Psychische Erkrankung und Partnerschaftsqualität – das beeinflusst sich selbstverständlich wechselseitig.
Zufriedenheit in der Partnerschaft steigert das Wohlbefinden und ist trotz psychischer Erkrankung oft eine Entlastung. Umgekehrt führt die psychische Erkrankung eines Partners häufig zu einer Belastung der Partnerschaft und zu veränderten Interaktions- und Rollenmustern. Aus solchen Mustern nach längerer Krankheit wieder herauszukommen ist gar nicht so leicht.
Spätestens im Rahmen der Rezidivprophylaxe stellt sich daher oft die Frage, ob und wie die Partnerschaftsqualität wieder verbessert werden kann. In diesem Zuge werden wir häufiger gefragt, ob wir denn auch Paartherapie anböten. Wir würden gerne erklären, warum wir das in der Regel nicht anbieten und welche Möglichkeiten es dennoch gibt.
Zunächst ist Paartherapie keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Unser Auftrag in der Psychotherapie ist die Behandlung von psychischen Erkrankungen – diese dürfen wir nur einer einzelnen Person diagnostizieren und nicht einem Paar. Deshalb dürfen wir hernach auch nur einzelne Personen behandeln. Wenn es für die Behandlung der einzelnen Person notwendig ist, laden wir natürlich gelegentlich Partner zum Paargespräch ein. Obwohl wir uns dabei natürlich bemühen, unparteiisch und neutral zu sein, gelingt uns das natürlich nicht völlig – wir haben schließlich den übergeordneten Auftrag, unseren Patienten aus der Krankheit zu helfen und diesem Auftrag muss dann auch das Paargespräch dienen.
Es gibt die Möglichkeit, eine Paartherapie als Selbstzahlerleistung in privaten Praxen durchzuführen. Die Kollegen dort sind oft ausgezeichnet qualifiziert. In der Regel haben die Kollegen nach Psychologiestudium und Ausbildung zum Psychotherapeuten noch eine Weiterbildung im Bereich Paartherapie absolviert. Privat abrechnende Psychotherapeuten haben diesbezüglich meistens eine Homepage mit einer aussagekräftigen Vita. Diese Kollegen behandeln Sie in der Regel von Anfang an als Paar und mit dem Ziel, die Beziehung zu heilen – und nicht die Erkrankung eines Beziehungspartners. Die Preise hierfür können Behandler selbst festlegen. Die Preise können variieren, üblich sind ca. 150€ für 90min.
Für viele leichter zugänglich und von öffentlicher Stelle finanziert (damit für die Klienten kostenlos) ist die sehr gut arbeitende Ehe- und Familienberatung. In unserem Landkreis ist der Ansprechpartner hierfür die Caritas in Mühldorf.
Die sehr gut qualifizierten und erfahrenen KollegInnen stehen ihnen bei allen Fragen der Partnerschaft zur Seite – für ein Gespräch oder regelmäßig, je nach Ihrem Bedarf. Dabei finde ich es besonders wichtig, dass die Ehe- und Familienberatung auch ein wichtiger Ansprechpartner ist, wenn es für die Beziehung vielleicht schon zu spät ist, aber eine Familie besteht. Wenn Sie sich trennen, aber gemeinsame Kinder haben, werden Sie für den Rest ihres Lebens dennoch miteinander zu tun haben. In Trennungszeiten, nach Kränkung, Streit usw. wieder einen guten Weg zu finden, konstruktiv über all die praktischen Belange zu reden, die für eine Familie mit getrennten Eltern zu organisieren sind, ist oft sehr schwer. Auch hier kann die Ehe- und Familienberatung sie begleiten. Auch wenn es hier ebenfalls nicht ganz ohne Wartezeit läuft, sind diese meist überschaubar.
Aber was machen wir denn so lange?
Oder
Also so arg ist das bei uns glaube ich nicht.
oder
Mein/e Partner/in will da aber gar nicht mit hingehen!
Wir haben für sowas keine Zeit!
Was einzelne Partner, aber vor allem Paare schon selbst tun können, ist sehr schön in der Folge des Zeit Podcasts „Ist das Normal“ vom Oktober 2022 erklärt. Dort gibt es auch weitere Hinweise zu Selbsthilfemöglichkeiten inkl. einem strukturierten Online-Programm für Paare.
Ganz oft stecken Menschen in dem Gedanken fest: „ich habe so viel für unsere Partnerschaft getan, jetzt ist der/die andere auch mal dran“
Leider ist das oft eine Sackgasse. Besonders, wenn Sie diesen Gedanken bei sich kennen, empfehle ich Ihnen die 71min für diese Podcastfolge noch einmal zu investieren. Nebenbei, beim Autofahren, beim Kochen, beim Joggen.
Generell ist dieser Podcast rund um Fragen von Partnerschaft und Sexualität mit der fantastischen Sexualtherapeutin Dr. Melanie Büttner sehr zu empfehlen.
Eine kleine wichtige Übung möchte ich auch für die erklären, die keine 71min nebenbei haben aber doch etwas tun wollen:
Es handelt sich um die „Detektivübung“ – sie funktioniert im Prinzip auch, wenn nur ein Partner sie ausführt, aber am besten klappt es schon, wenn beide dabei sind.
Der Hintergrund: Paarbeziehungen werden als gut wahrgenommen, wenn es 5mal mehr positive als negative Interaktionen zwischen den Partnern gibt. Für ein „Ach man, musst du immer…“ braucht es also 5 kleine wahrgenommene positive Ausgleichshandlungen (egal ob praktische Hilfe, liebe Worte, kleine Aufmerksamkeiten, Zärtlichkeiten usw.). Die große Schwierigkeit ist oft: wenn wir sowieso ein einer kritischen Haltung gegenüber dem Partner/der Partnerschaft sind, nehmen wir Dinge eher wahr, die diese kritische Haltung bestätigen. Die Herausforderung besteht also zunächst darin, die kleinen, positiven Interaktionen wieder wahrzunehmen! Und hier werden Sie zum Detektiv:
Die Übung: erwischen Sie den/die Partner/in, wenn er/sie Ihnen in irgendeiner Form etwas Gutes tut.
Womit Sie sich und die Partnerschaft natürlich an der Stelle völlig torpedieren können ist der Satz: „das ist doch aber selbstverständlich, dass … [ich einen Abschiedkuss am morgen bekomme/jeder mit im Haushalt anpackt/man sich mal danke sagt)“ – für diese Übung ist es das bitte mal nicht.
Der Effekt: nun, ich hoffe sie werden ihn selbst nach einigen Tagen merken. Ansonsten schreibe ich ihn ganz klein, an das Ende des Textes. Ich wünsche Ihnen ganz viel Spaß beim probieren!
Selten kann es auch vorkommen, dass eine Partnerschaft nur funktioniert, solange ein Partner psychisch krank ist. Das kommt vor, wenn ein Partner erkrankungsbedingt sehr abhängig ist und der andere sehr in der Rolle des Helfenden aufgeht, sich vielleicht dann nicht mehr gesehen, gebraucht, geliebt fühlt, wenn er das nicht mehr darf. Das passiert natürlich auch, wenn ein Partner erkrankungsbedingt sehr nachgiebig ist und mit erstarkendem Selbstbewusstsein plötzlich sehr für seine Bedürfnisse eintritt. Oft werden diese Veränderungen vom Partner begrüßt, wirken entlastend. Es kann aber auch dazu kommen, dass es durch die Psychotherapie und damit eine Verbesserung des Gesundheitszustandes des bis dahin psychisch kranken Partners zu erheblichen
Partnerschaftsproblemen bis hin zur Trennung kommt. Dies sollte als mögliche Nebenwirkung einer Psychotherapie mit berücksichtigt werden. Im weiteren sozialen Umfeld passiert das noch häufiger. Da hört man dann ganz gerne den Satz „also du hast dich ja verändert“ – Stimmt. Das war ja auch das Ziel und es steckt harte Arbeit dahinter. Aber ja, für die anderen wird es dadurch evtl. ungemütlicher.
Wir wünschen ganz viel Spaß auf diesem lohnenswerten Weg!
Der Effekt der Detektivübung:
durch die bewusste Umlenkung der Aufmerksamkeit auf positive Interaktionen in der Partnerschaft wird zunächst die „5:1“-Quote zugunsten der positiven wahrgenommenenen Interaktionen verbessert. Außerdem ist es möglich – und gleichzeitig eine weitere positive Interaktion – dem/der Partner/in Danke für etwas zu sagen, was man vielleicht lange nicht bewusst wahrgenommen hat. Wenn Menschen wissen, dass ihre positiven Taten auch wahrgenommen werden, macht es das auch wahrscheinlicher, dass sie mehr davon tun. ES entsteht also eine positivspirale – ich nehme mehr wahr – ich bedanke mich – ich habe eine zusätzliche positive Interaktion – ich erlebe meine Leistungen in der Beziehung wieder als besser wertgeschätzt – ich trage lieber auch wieder was positives in die Beziehung bei.
