Zwangsgedanken - "Sie müssen ja denken, ich bin völlig verrückt!"

"Ich traue mich gar nicht das zu erzählen, Sie müssen ja denken ich bin völlig verrückt" ist häufig der erste Satz, den mir Patient*innen in der Sprechstunde sagen, bevor sie von Zwangsgedanken erzählen. Tatsächlich sind Zwangsgedanken gar kein seltenes Symptom und ganz sicher kein Anzeichen für "Verrücktsein". Studien zufolge leiden 1-3% der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens vorübergehend an Zwangssymptomen. Häufig handelt es sich um Zwangshandlungen und Zwangsgedanken gemischt. Dabei dienen die Zwangshandlungen zumeist der "Neutralisierung" eines Zwangsgedanken. Einen Zwangsgedanken von einem wahnhaften Gedanken abzugrenzen ist dabei meistens gar nicht schwer: der Zwangsgedanke wird vom Betroffenen als unsinnig betrachtet, wohingegen Wahninhalte häufig vom Umfeld als unsinnig angesehen werden, für den Betroffenen aber vollständig Sinn ergeben. Der Inhalt der Zwangsgedanken ist dabei für die meisten Betroffenen hoch belastend, weil der Gedanke nur dadurch einen richtigen Zwangcharakter entwickeln kann, dass er ihrem Wertesystem komplett widerspricht. Häufig handelt es sich dabei um Gedanken von sexuellem oder aggressivem Inhalt, im Prinzip ist jedoch jeder Inhalt möglich. Oft kommen sie auch im Gewand von Fragen: "Könnte es sein, dass ich jemandem etwas tue?" Erst durch die Bewertung als "gefährlich" und "falsch" erfahren die Gedanken ihr starke emotionale, oft angstbesetzte Aufladung. Beim Versuch sie zu unterdrücken ("das darf ich gar nicht denken!"), fallen sie dann noch mehr auf.

Sicher in der Präsentation etwas konservativ, aber sehr umfangreich und fachlich kompetent sind die Informatione auf dem Youtube-Kanal "Zwänge verstehen & überwinden"

Auf der Plattform vom Bundesverband der Angehörigen psychisch kranker Menschen e.V. berichtet der Autor und Regisseur Oliver Sechting von seiner Zwangserkrankung wohingegen ein Angehöriger einer Zwangserkrankten berichtet, wie seine Partnerin die Symptomatik versteckte und welche Schwierigkeiten es bei der Suche nach Hilfe gab.

Tatsächlich ist eine Zwangserkrankung grundsätzlich eine behandelbare Erkrankung. Wichtig ist dabei jedoch das Therapieziel: es kann nicht darum gehen, bestimmte Gedanken nicht mehr zu denken. Es geht darum festzustellen, dass diese Gedanken nicht gefährlich sind. Einen Gedanken zu denken, bedeutet nicht, dass man diesen auch ausführen wird. Es bedeutet auch nicht, dass er auf andere Weise wahr wird. Es bedeutet nicht, dass man verrückt wird. Haben Sie daher keine Angst, sich damit Angehörigen und Behandlern anzuvertrauen.